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DMSG aktuell

„Die Krise können wir nur gemeinsam überwinden“

Ministerpräsidentin Malu Dreyer im Interview mit der aktiv!

aktiv!: Seit mehr als einem Jahr beeinflusst die Corona-Pandemie auch das Leben von Menschen mit MS erheblich. Vor welche zusätzlichen Herausforderungen hat die Pandemie Sie gestellt?

Malu Dreyer: „Natürlich gehören Menschen mit MS zur Risikogruppe, wie viele andere chronisch Kranke auch. Ich habe eine große Verantwortung in der Gesellschaft und auch in meinem direkten Umfeld erlebt: die große Disziplin und Bereitschaft, die AHAL-Regeln einzuhalten, um sich und andere zu schützen. Dafür bin ich sehr dankbar! 

Die Corona-Pandemie hat meinen Alltag – wie den der wahrscheinlich allermeisten Menschen – komplett verändert, privat wie beruflich. Als Ministerpräsidentin bin ich naturgemäß rund um die Uhr damit beschäftigt, die Krise zu managen und die Folgen für die Menschen in Rheinland-Pfalz so gering wie möglich zu halten. Es ist eine große Verantwortung und eine große Herausforderung, für die es kein Beispiel gibt. Es gibt keinen Lebensbereich und keinen Menschen, der nicht von Corona betroffen ist. Viele Existenzen stehen auf dem Spiel, Kinder und junge Menschen müssen mit Homeschooling klarkommen und damit, ihre Freunde nicht treffen zu können, aber auch ältere Menschen fühlen sich einsam und isoliert. Als Ministerpräsidentin arbeite ich rund um die Uhr dafür, dass wir schnell impfen, testen, dass unsere Krankenhäuser nicht überlastet werden und wir die Wirtschaft am Laufen halten. Ich gehe mit der Pandemie ins Bett und stehe mit ihr auf.“ 

aktiv!: Einen stressigeren Job als den Ihren, besonders zu Zeiten von Corona, kann man sich kaum vorstellen. Wie schaffen Sie das mit Ihrer Erkrankung?

Malu Dreyer: „Die Krankheit MS hat tatsächlich viele Gesichter, wie man immer so sagt. Ich habe das Glück, dass sie ihr Gesicht bei mir ausschließlich in Form einer eingeschränkten Mobilität zeigt, und darauf habe ich mich gut eingestellt. Meine Arbeit erfüllt mich unglaublich, ich glaube, auch das gibt mir Kraft. Bevor ich Ministerpräsidentin wurde, war ich mehr als zehn Jahre Sozialministerin in Rheinland-Pfalz und hatte davor verschiedene Ämter. Das alles war ebenfalls mit sehr viel Arbeit und auch Stress verbunden; daran bin ich also gewissermaßen gewöhnt. Wenngleich ich tatsächlich die letzten Monate mit nichts vergleichen kann, was ich bis dahin erlebt habe.“  

aktiv!: Wo und wie finden Sie einen Ausgleich? Was schenkt Ihnen neue Kraft?

Malu Dreyer: „Meine Familie und meine Freunde geben mir viel Halt und Kraft. Wenn ich zu Hause in Trier bin, vor allem zusammen mit meinem Mann, kann ich am besten abschalten. Wir gehen dann zum Beispiel sehr gerne spazieren, raus in die Natur. Da tanke ich neue Kraft. Ich versuche immer, das Positive zu sehen, das hilft mir bei Krisen oder bei Stress.“ 

aktiv!: Für welche Corona-Schutzmaßnahmen sorgen Sie in Ihrem Umfeld? Was raten Sie MS-Erkrankten?

Malu Dreyer: „Es ist sehr wichtig, dass wir gegenseitig aufeinander achten, das habe ich privat wie beruflich natürlich verinnerlicht. Das Motto muss lauten: „Ich schütze dich, du schützt mich.“ Wir müssen die Hygiene- und Abstandsregeln einhalten, Masken tragen – und sollten uns testen (lassen), bevor wir uns treffen. Die Schnelltests sind ein wichtiges Hilfsmittel. Auch im beruflichen Umfeld folgen wir strengen Corona-Regeln. Im Bereich der Landesregierung wird in sehr großem Umfang im Homeoffice gearbeitet. Besprechungen finden digital statt. Das ist jetzt eine sehr harte Zeit, aber die Pandemie hat irgendwann ein Ende. Wir haben jetzt eine gute Perspektive – und zwar die Impfung. Ich rate jedem und jeder, sich impfen zu lassen, wenn er oder sie an der Reihe ist und keine ärztlichen Bedenken dagegensprechen. Die Impfung ist der beste Schutz.“

aktiv!: Das Thema Impfung: Haben Sie für sich schon eine Entscheidung getroffen?

Malu Dreyer: „Ich werde mich ganz sicher impfen lassen, sobald ich an der Reihe bin. Es ist eine großartige wissenschaftliche Leistung, dass wir in so kurzer Zeit so wirksame Impfstoffe gegen diese Pandemie zur Verfügung haben.“

aktiv!: Viele MS-Erkrankte sind in Zeiten von Corona stark in ihren persönlichen Kontakten eingeschränkt. Wie gelingt es Ihnen, private Kontakte aufrechtzuerhalten?

Malu Dreyer: „Selbstverständlich vermisse ich auch direkte, persönliche Kontakte. Meine Mutter lebt in einem Seniorenheim und ich konnte sie lange Zeit gar nicht besuchen, was sehr traurig war. Auch meine Kinder und Enkel kann ich kaum treffen. Aber zum Glück gibt es ja auch die Möglichkeit, digital Kontakt zu halten. Und so verabrede ich mich mit Freunden immer öfter zum Videochat – auch meine Mutter hat das mittlerweile gelernt. Das ersetzt zwar nicht das persönliche Treffen, aber immerhin kann man auf diese Weise in engem Kontakt bleiben.“

aktiv!: Mit digitalen Arzt-Sprechstunden und Online-Gruppen bietet die DMSG auf MS Connect eine Plattform zum Austausch an. Wie stehen Sie zu digitalen Angeboten?

Malu Dreyer: „Ich finde Video-Sprechstunden und Online-Gruppen sehr sinnvoll. Gerade in der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, wie wichtig die Digitalisierung ist. So kann man – auch wenn man krank ist und das Haus nicht verlassen kann – seinen Arzt oder seine Ärztin konsultieren und mit anderen in Kontakt bleiben.“

aktiv!: Sie standen zum Zeitpunkt der Diagnose bereits als Bürgermeisterin stark in der Öffentlichkeit. Was hat Sie überzeugt, elf Jahre später als Ministerpräsidentin offen über Ihre Erkrankung zu sprechen?

Malu Dreyer: „Am Anfang habe ich auch auf Anraten meines damaligen Arztes nicht öffentlich über meine Krankheit gesprochen. Ich wollte zunächst einmal mit mir selbst damit ins Reine kommen. Nur meine Familie und die engsten Freunde wussten davon. Nachdem meine Mobilitätseinschränkung sichtbarer wurde, habe ich mich entschlossen, im Oktober 2006 an die Öffentlichkeit zu gehen, um weitere Spekulationen zu beenden.“

aktiv!: Im Zuge der Corona-Pandemie sind Sie auf der politischen Bühne so präsent wie wenige andere Politiker(-innen). Wird mehr von Ihnen gefordert oder fordern Sie sich selbst so stark?

Malu Dreyer: „Die Corona-Pandemie stellt alle Politiker und Politikerinnen vor enorme Herausforderungen. Für diese Situation gibt es kein Beispiel, keine Blaupause. Es ist ein ständiges Vorantasten, ein ständiges Ringen und Abwägen um die nächsten Schritte. Wir befinden uns in einer existenziellen Krise. Das ist auch für mich – unabhängig von meiner Erkrankung - eine immense Herausforderung, der ich mich jeden Tag stelle. Das Informationsbedürfnis der Menschen ist riesig, was ich sehr gut verstehe. Ich habe seit Beginn der Corona-Pandemie sehr viele Pressekonferenzen und Interviews gegeben, auch online über die Social-Media-Kanäle der Landesregierung, gehen täglich zahllose Anfragen ein. Es ist wichtig, die Maßnahmen und Entscheidungen so transparent wie möglich zu kommunizieren, damit die Menschen sie auch verstehen können. Denn die Krise können wir nur gemeinsam überwinden.“

aktiv!: Sie wirken heute fitter als je zuvor. Wie präsent ist die MS in Ihrem Alltag?

Malu Dreyer: „Ich achte auf mich, auch darauf, was ich esse und dass ich mich richtig und genug bewege, mache regelmäßig meine physiotherapeutischen Übungen. Glücklicherweise äußert sich die Erkrankung bei mir ausschließlich in einer eingeschränkten Mobilität, sodass ich mit Hilfsmitteln wie beispielsweise dem Elektromobil für längere Strecken gut zurechtkomme.“

aktiv!: Welche Tipps können Sie anderen MS-Erkrankten, die im Berufsleben stehen, geben?

Malu Deyer: „Ich möchte anderen MS-Erkrankten Mut machen und Kraft geben. Positive Beispiele sind sehr wichtig. MS-Kranke können wie alle anderen Menschen mitten im Berufsleben stehen, anspruchsvolle Aufgaben übernehmen, Stress aushalten und viel arbeiten. Trotzdem muss man immer sehen, dass jeder seine persönliche Geschichte hat, die nicht mit anderen vergleichbar ist. Ich würde mich aber freuen, wenn ich andere dazu ermutigen könnte, positiv nach vorne zu schauen.“

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Ministerpräsidentin Malu Dreyer ist Schirmherrin im DMSG-Landesverband Rheinland-Pfalz. Bild: Staatskanzlei RLP/Elisa Biscotti