close
close
Interesse an einer Probemitgliedschaft?
Kostenfreie Probemitgliedschaft beantragen
DMSG aktuell

Nachgefragt: Interview mit Prof. Dr. med. Peter Flachenecker

Prof. Dr. med. Peter Flachenecker ist Mitglied der wissenschaftlichen Begleitgruppe des MS-Registers und Mitglied im Ärztlichen Beirat der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. sowie Chefarzt am Neurologischen Rehabilitationszentrum Quellenhof in Bad Wildbad. Im Interview erklärt er die gestiegenen Zahlen im Atlas der MS.

aktiv!: Im Atlas der MS ist von 2,8 Millionen MS-Erkrankten die Rede. Bei der letzten Auswertung im Jahr 2013 waren es noch 2,3 Millionen. Wie erklärt sich der Anstieg der Zahlen?

Prof. Dr. med. Peter Flachenecker: Zunächst einmal ist das ein Phänomen, das wir in vielen epidemiologischen Untersuchungen zur Häufigkeit der MS beobachten konnten: die Anzahl der MS-Betroffenen nimmt über die Zeit zu – das gilt in ähnlicher Weise für die USA, Australien und Europa. Dabei scheint vor allem in Regionen mit vergleichsweise niedrigem Risiko die Zahl der MS-Erkrankten zuzunehmen, so dass ehemalige „Niedrigrisikogebiete“ wie beispielsweise Südeuropa nun ebenfalls zu den „Hochrisikogebieten“ gezählt werden müssen. Aber auch in Deutschland, das schon immer zu den Gebieten mit hohem Erkrankungsrisiko gezählt hat, hat sich in den letzten Jahren die Häufigkeit nahezu verdoppelt: während wir lange Zeit davon ausgingen, dass in Deutschland etwa 140.000 Menschen von der MS betroffen sind, errechnet sich aus Abrechnungsdaten der Krankenkassen nun eine Zahl von 252.000.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Zum einen spielt die verbesserte Diagnostik eine wesentliche Rolle – so lässt sich die Diagnose der MS heutzutage bereits nach dem ersten Schub stellen, während dies bis vor knapp 20 Jahren erst nach dem zweiten Schub möglich war. Zum anderen hat sich die Lebenserwartung sowohl der Gesamtbevölkerung als auch der MS-Betroffenen verlängert. Und als drittes scheint auch die Inzidenz, also die Zahl der Neuerkrankten, zugenommen zu haben.

aktiv!: Leben Menschen mit MS heute länger? Worin liegen die Ursachen?

Prof. Dr. med. Peter Flachenecker: In der Tat haben Menschen mit MS heute eine längere Lebenserwartung, darauf weisen etliche Registerstudien vor allem aus Dänemark und Schweden hin. Neben der allgemein gestiegenen Lebenserwartung (die natürlich auch für MS-Betroffene zutrifft) spielen dabei die deutlich verbesserten Therapiemöglichkeiten eine wesentliche Rolle. So ist es durch die Fortschritte der Immuntherapie möglich geworden, den Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen und die Behinderungsprogression zumindest teilweise zu verzögern. Zum anderen können durch konsequenten Einsatz der symptomorientierten Therapie nicht nur die Krankheitssymptome verbessert und damit die Lebensqualität gesteigert, sondern auch Komplikationen verhindert werden. Eine der wesentlichen Todesursachen bei der MS sind ja Infektionen, vor allem Atemwegsinfekte bzw. Lungenentzündungen oder eine Urosepsis, und die diesen Komplikationen zugrundeliegenden Atemfunktions- oder Blasenstörungen lassen sich oftmals durch eine zielgerichtete Physiotherapie und/oder medikamentöse Maßnahmen verhindern bzw. gut behandeln.
 

aktiv!: Überraschend ist auch, dass die MS in Deutschland verbreiteter zu sein scheint als in Dänemark und Schweden. Die Zahl der MS-Erkrankten in den skandinavischen Länder galt wegen ihrer größeren Distanz zum Äquator, dem damit einhergehenden Mangel an Sonnenlicht und dem daraus erwachsenden größeren Risikos für einen Vitamin D–Mangel, bislang als höher. Welche Faktoren liegen dieser Entwicklung zugrunde? 

Prof. Dr. med. Peter Flachenecker: Auf den ersten Blick erscheint diese Annahme richtig und in der Tat überraschend. Allerdings zeigten schon frühere epidemiologische Untersuchungen, dass die Häufigkeit der MS in Deutschland und Skandinavien vergleichbar ist, wobei diese auf regional begrenzten Erhebungen basierten und eine große Schwankungsbreite aufwiesen: Deutschland zwischen 54 und 150 pro 100.000, Schweden zwischen 96 und 154 pro 100.000, Norwegen zwischen 73 und 120 pro 100.000, und Dänemark 112 pro 100.000. Im aktuellen „Atlas of MS“ sind für Deutschland, Dänemark und Schweden (für Norwegen liegen keine Daten vor) mit 318, 282 und 218 pro 100.000 in allen drei Ländern höhere Zahlen angegeben, wobei der Unterschied zumindest für Deutschland und Dänemark nicht bedeutsam ist. Die Distanz zum Äquator und damit die Sonneneinstrahlung ist nur ein Umweltfaktor, der das MS-Risiko bestimmt. Vor allem ist die Sonne nicht der einzige Vitamin-D-Lieferant, so dass ein Mangel an UV-Licht z. B. durch fischreiche Ernährung ausgeglichen werden kann. Daneben gibt es noch andere Risikofaktoren wie eine zurückliegende Epstein-Barr-Infektion, Rauchen (wohingegen der in Schweden verbreitete Kautabak protektiv wirken sollte) oder Übergewicht im Kindes-/Jugendalter.

aktiv! Der Atlas weist auch auf einen starken Anstieg bei den an MS erkrankten Kindern hin. Welche Folgen sollten diese Erkenntnisse für die Diagnostik und Therapie bei Kindern haben? 

Prof. Dr. med. Peter Flachenecker: Die MS ist zwar im Kindesalter selten, kann aber dennoch auch in diesem Alter auftreten. Da hier eine Vielzahl anderer Erkrankungen berücksichtigt werden muss und die kleinen Patienten mit ihren Beschwerden in der Regel nicht zum Neurologen, sondern zum Kinderarzt gebracht werden, ist die Diagnosestellung häufig schwierig und verzögert. Insofern wäre es wichtig und wünschenswert, dass Kinderärzte mit neurologischer Erfahrung (sog. Neuropädiater) in ausreichender Zahl vorhanden und von den (Haus-)Kinderärzten rasch hinzugezogen werden, damit die erforderlichen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen eingeleitet werden können.

aktiv!: Warum ist es so wichtig, die Prävalenzdaten der MS weltweit zu erheben?

Prof. Dr. med. Peter Flachenecker: Die umfangreichen epidemiologischen Untersuchungen, die seit den 1950er Jahren in geographisch unterschiedlichen Regionen der Welt durchgeführt wurden, haben wertvolle Aufschlüsse über mögliche Ursachen der MS ergeben. Nur zwei Beispiele dafür: die oben erwähnte zunehmende Häufigkeit der MS mit zunehmender Distanz zum Äquator hat schon früh vermuten lassen, dass ein Umweltfaktor (möglicherweise die reduzierte Sonneneinstrahlung) eine Rolle spielen muss, der in der Folge als Vitamin-D-Mangel identifiziert wurde, oder die unterschiedliche Häufung in verschiedenen ethnischen Populationen, die einen genetischen Faktor nahelegte. Die weltweite Erhebung von Prävalenzdaten ist aber auch unter Versorgungsaspekten von Bedeutung, nicht zuletzt, um Ressourcen zielgerichtet und optimal einsetzen zu können.

aktiv!: Die DMSG hat sich von Anfang an stark für den Atlas der MS engagiert. Das MS Register hat viele Daten beigesteuert. Mittlerweile beteiligen sich 115 Länder an der weltweiten Erhebung. In welchen Regionen besteht noch Handlungsbedarf?

Prof. Dr. med. Peter Flachenecker: Bei Betrachtung der Weltkarte des „Atlas of MS“ fällt auf, dass zwar in vielen Ländern Daten zur Häufigkeit der MS vorhanden sind, für viele andere Länder aber nicht. Das sind vor allem große Teile Afrikas (vor allem Zentralafrika), aber auch Teile Asiens und Südamerikas. Hier herrscht sicherlich noch Handlungsbedarf, wenn gleich in den letzten Jahren gerade für einige Länder Vorderasiens und Südamerikas Daten zur Prävalenz der MS erhoben wurden.

aktiv!: Welche Ziele verfolgt das deutsche MS Register?

Prof. Dr. med. Peter Flachenecker: Das deutsche MS-Register der DMSG wurde 2001 initiiert und in der Folge stetig weiterentwickelt, mittlerweile nehmen 189 Zentren in Deutschland an der standardisierten Datenerhebung teil. Die Ziele sind zum einen, verlässliche Zahlen zu Verlaufsformen oder Schweregrad der Behinderung zu generieren, zum anderen aber vor allem die Versorgungssituation von MS-Betroffenen in Deutschland zu beschreiben. In dieser Hinsicht konnten bereits viele wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden, die regelmäßig in der DMSG aktiv! vorgestellt werden. Weitere Auswertungen und Erkenntnisse sind auch zukünftig zu erwarten.

Zurück
expand_less