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Therapie & Forschung

Beeinflussbare Risikofaktoren der Multiplen Sklerose

Highlights des DMSG-Symposiums auf dem digitalen DGN-Kongress.

Die Ursache der Multiplen Sklerose und die den Verlauf modifizierenden Einflüsse sind noch immer nicht geklärt. Bekannt ist aber, dass neben erblichen Faktoren andere Einflüsse, wie zum Beispiel Umweltfaktoren, eine erhebliche Rolle spielen. Hierzu gehören z.B. Infektionen, Lebens- und Ernährungsgewohnheiten sowie die individuelle Darmflora. Anders als die erblichen Faktoren lassen sich diese Einflüsse gezielt beeinflussen, sofern man sie kennt. Im digitalen Symposium des DMSG-Bundesverbandes beim diesjährigen DGN-Kongress haben unter dem Vorsitz von Prof. Dr. med. Judith Haas, Vorsitzende des DMSG-Bundesverbandes und Prof. Dr. med. Ralf Gold, Vorsitzender des Ärztlichen Beirats sieben Experten die hochaktuelle Thematik der nicht-erblichen Einflüsse und ggf. deren Beeinflussbarkeit vorgestellt.

Im Einführungsvortrag gewährte Prof. Dr. med. Ralf Linker einen Überblick über die bisher bekannten Risikofaktoren.

Neben Genetischen Risikofaktoren sind vier Umweltfaktoren bei der MS gesichert:

  • Niedrige Vitamin DSpiegel
  • Rauchen
  • Übergewicht im Kindesalter
  • EpsteinBarr-Virus

Prof. Linker beleuchtete die Umweltfaktoren,

  • die das Risiko einer Entstehung der Multiplen Sklerose beeinflussen
  • die Schübe beeinflussen 
  • die eine Behinderungsprogression befördern

Er zeigte auch die methodischen Schwierigkeiten bei der Analyse einzelner Faktoren auf. So liege die Entstehungsphase der MS vermutlich zehn Jahre vor den ersten Symptomen. Ein Drittel der Ursachen beruhe auf Genetik und zwei Drittel auf Umweltfaktoren. Rauchen sei der wichtigste modifizierbarer Faktor für die Entstehung einer MS, das Risiko für Schübe und eine Behinderungsprogression bei schubförmiger MS. Das Aufhören mit dem Rauchen ist mit einer Verbesserung der Prognose assoziiert. Noch kontrovers diskutiert werden mögliche Einflussfaktoren, die positiv protektiv wirken können, wie Kaffeekonsum, gesundes Essen oder Fischöl. Als Faktoren, die möglicherweise das MS-Risiko erhöhen, nannte er einen erhöhten Salz-Konsum, Stress, das Darm- Mikrobiom, Schichtarbeit, Krankheitskeime und organische Lösungsmittel. Als „dünn“ bezeichnete er die Datenlage bezüglich der Effekte von Umweltfaktoren auf die Schubentwicklung. Die Effekte einer Einnahme von Vitamin D seien fraglich, verwies Prof. Linker auf eine Studie mit RRMS-Patienten als Ergänzung zu einer Interferon-Behandlung, die im Ergebnis zeigte, dass eine Vitamin D-Supplementation die Krankheitsprogression und die Schubrate nicht zu beeinflussen vermag. Für schleichende MS Verlaufsformen existieren fast keine Daten zur Bedeutung von Umweltfaktoren. Als ein wichtiges Forschungsthema nannte Prof. Linker die Rolle von Komorbiditäten. Die Rolle von Komorbiditäten wurde vom MS Register der DMSG im Rahmen des Kongresses thematisiert. Mehr lesen Sie in der nächsten Ausgabe der aktiv!.

Das Darm-Mikrobiom, Propionsäure und die Ernährung bei MS

Einen tieferen Einblick in das Risiko für eine Behinderungsprogression gewährte der Vortrag von Prof. Dr. med. Aiden Haghikia: „Ein Feld, womit wir uns intensiv befassen, ist die Rolle des Darms bei der Entstehung der MS, hier kommen sowohl die Nahrung, als auch Bakterien und Stoffwechselprodukte zusammen.“ Sein Forscherteam ist der Frage nachgegangen, welche Eigenschaften von Fettsäuren möglicherweise das Immunsystem beeinflussen könnten. „Wir haben an der RuhrUniversität Bochum im St. Josef-Hospital zuletzt untersucht, ob sich unsere zuvor im Experiment erhobenen Ergebnisse zur immun-modulatorischen Wirkung der kurzkettigen Fettsäure Propionsäure, im Sinne der translationalen Forschung auch im Menschen bestätigen lassen“, berichtete er von einer Senkung der Schubraten- und Behinderungsprogression. Dieser Effekt wird jetzt in einer randomisierten klinischen Studie überprüft. (Wir berichteten in der aktiv!)

Nicht alles ist Vitamin D

Warum und wie Sonnenlicht die Multiple Sklerose beeinflusst, mit dieser Fragestellung beschäftigte sich Prof. Dr. med. Heinz Wiendl. Vitamin D sei ein wichtiger Player bei der Entstehung der MS, erklärte er, dass Menschen mit einem zu niedrigen Vitamin D- Spiegel eine höhere Neigung haben, eine MS zu bekommen. Das gelte auch für Kinder von Müttern, die einen niedrigen Vitamin D-Spiegel aufweisen. Auch die Schwere der MS korreliere mit dem Vitamin D-Spiegel. Unabhängig von Vitamin D stellen sich UV-Effekte ein. „Vitamin D allein reicht nicht aus“, betonte Prof. Wiendl. Das Risiko für MS steigt mit der Nähe zum geographischen Nord- und Südpol. Hauptgrund für diesen Zusammenhang ist die geringere Wirkung der ultravioletten Strahlung. Vermutlich spielt Vitamin D, ein Molekül, das durch UVR in der Haut synthetisiert wird und für seine immunmodulatorischen Eigenschaften bekannt ist, eine Rolle bei der Vermittlung der Effekte. Tatsächlich legen einige Studien eine Ursache-Wirkung-Beziehung nahe, da gezeigt wurde, dass Nachkommen von Frauen mit niedrigen Vitamin D-Spiegeln ebenso wie Patienten mit Veränderungen des Vitamin D-Rezeptor-Gens ein erhöhtes MS-Risiko aufweisen. Andererseits gibt es auch Hinweise, dass andere Signalwege zu den UVR-vermittelten Effekten beitragen, wie zum Beispiel der Melatonin-, der cis-UCA- und der Melanocortin-1-Rezeptor-Signalweg. Bei Letzterem weisen Studien darauf hin, dass Träger von dysfunktionalen MC1R-Genvarianten ein erhöhtes MS-Risiko aufweisen. Weiterhin ist es unklar, ob UVR auch positive Effekte auf eine bestehende MS hat. Ergebnisse von Studien zur Nahrungsergänzung mit Vitamin D sind uneindeutig: Die jüngst veröffentlichte SOLAR-Studie erreichte ihren primären Endpunkt nicht, ließ aber darauf schließen, dass hochdosiertes Vitamin D Auswirkungen auf die Läsionslast hat. Letztlich bleibt es zu zeigen, welche Signalwege dem Zusammenhang zwischen UVR und dem Risiko sowie möglicherweise der Ausprägung von MS zugrunde liegen. Dabei gilt es, neben Vitamin D auch alternative Erklärungen zu berücksichtigen. Nicht alles gehe auf Vitamin D zurück, größere Studien seien nötig, bilanzierte Prof. Wiendl.

Epstein-Barr-Virus und MS

Während der stärkste genetische Risikofaktor für die MS das HLA Klasse II Allel HLA-DRB1*15:01 darstellt, ist eine Infektion mit dem Epstein-Barr Virus (EBV) der stärkste derzeit bekannte Umwelt-Risikofaktor für die Entwicklung einer MS, erklärte Dr. Klemens Ruprecht in seinem Online-Vortrag.In der Tat kann die MS aus epidemiologischer Sicht als eine seltene Spätkomplikation einer EBV-Infektion angesehen werden. Dr. Ruprecht fasste den aktuellen Stand der Forschung zur Assoziation von MS und dem Herpesvirus EBV zusammen und nannte derzeit verfügbare Strategien zur Prävention bzw. Behandlung einer EBV-Infektion, um davon ausgehend zu diskutieren, inwiefern es sich bei EBV um einen beeinflussbaren Risikofaktor der MS handelt. In einer aktuellen Studie waren alle der 901 beteiligten MS-Patienten EBV positiv. Eine kausale Rolle von EBV sei „hochwahrscheinlich“, sagte Dr. Rupprecht n seinem Fazit. Therapeutische Konsequenzen gebe es derzeit allerdings noch nicht.

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Prof. Dr.med. Ralf Linker, stellvertretender Vorsitzender des Ärztlichen Beirats im DMSG-Bundesverband und Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Regensburg. Bild: DMSG Bundesverband, Johannes Kirchherr
Prof. Dr. med. Aiden Haghikia, Direktor der Neurologischen Klinik in Magdeburg. Bild: Privat
Prof. Dr. med. Heinz Wiendl Prof. Dr. med. Heinz Wiendl, Vorstandsmitglied im Ärztlichen Beirat des DMSGBundesverbandes und Direktor der Klinik für Allgemeine Neurologie am Universitätsklinikum Münster (UKM). Bild: DMSG Bundesverband, Johannes Kirchherr
Dr. Klemens Ruprecht, Charité - Universitätsmedizin Berlin. Bild: Privat
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