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DMSG aktuell

Achtsam durchs Leben gehen: Online-Coaching auf MS Connect hat sich bewährt

Achtsamkeit und das gemeinsame Entwickeln neuer Perspektiven bilden die Grundlagen der Arbeit von Diplom Sozialpädagogin Christina Sprenger. Im Interview mit der aktiv! erklärt die Achtsamkeitstrainerin was Online-Coaching für das individuelle Wohlbefinden bewirken kann.

aktiv!: Liebe Frau Sprenger, in diesem Jahr haben Sie gemeinsam mit der DMSG den Online-Coach für „Achtsamkeitsbasiertes Training“ auf der Plattform MS Connect ins Leben gerufen. Die Resonanz ist groß. Viele MS-Erkrankte haben das Coaching bereits erfolgreich absolviert. Was macht dieses Konzept so erfolgreich?

Christina Sprenger: Der Erfolg liegt meiner Meinung nach in der Umsetzung. Hier wurde von Seiten des Verbandes großer Wert daraufgelegt, die Mitglieder zu unterstützen, dass sie Achtsamkeit in ihren Alltag integrieren können. Dazu braucht es, gerade bei einem Onlinetraining auch Betreuung und Begleitung – die Möglichkeit, auch mal Fragen zu stellen, mitzuteilen, wenn ich etwas erreicht habe, wenn mir etwas gut gelungen ist, wenn etwas hakte, die Möglichkeit des Austausches untereinander und mit der Trainerin. Hier können die Teilnehmer neben den Selbstlernmodulen auch den Chat nutzen, in dem ich wöchentliche Sprechzeiten anbiete, sowie die Live Video-Treffen zum Austausch und zum gemeinsamen Üben. Wer möchte, kann sich auf MS Connect auch vertraulich an mich wenden. Die gute Zusammenarbeit zwischen dem Verband und mir als Trainerin möchte ich an dieser Stelle erwähnen. Technische Fragen konnten so schnell und unkompliziert beantwortet werden, die Zusammenarbeit mit der IT-Firma, die die technische Struktur geschaffen hat und die Inhalte so platziert hat, dass die Teilnehmer das Training gut durchführen konnten. Und nicht zuletzt die Vorbereitung des Online-Trainings war sehr wichtig. Da war viel Vorarbeit nötig, aber ich finde, es hat sich wirklich gelohnt.

aktiv!: Achtsamkeit: Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Christina Sprenger: Achtsamkeit heißt, dass ich das wahrnehme, was gerade jetzt los ist, in mir, um mich herum. Ich nehme wahr, wie ich mich fühle, was ich denke, wie ich in der Welt bin. Ich trete einen Schritt zurück und kann Situationen dann objektiver wahrnehmen und erkennen. Wenn ich z.B. ärgerlich bin, und es nicht wirklich wahrnehme, dann sind meine Reaktionen von Ärger geprägt (ich reagiere auf andere vielleicht ungeduldig, bin gereizt), wenn ich den Ärger bewusst wahrnehme, dann habe ich Handlungsalternativen, dann nehme ich vielleicht wahr, wie sich mein Körper anfühlt, wenn ich Ärger empfinde, wie es sich anfühlt, ärgerlich zu sein (unruhige Gedanken, vielleicht Hitze im Bauch, Puls geht hoch, vielleicht Schwitzen). Wenn ich achtsam bin, nehme ich das wahr, auch, dass der Ärger vielleicht schon nach ein paar Minuten wieder geht, dass ich ruhiger werde. Oft merken wir nicht, dass Empfindungen, Gefühle und Gedanken sich stetig verändern, wir nehmen unsere Gemütslagen persönlich, wir nehmen oft nicht wahr, dass das Leben aus Veränderungen besteht. Wir bewerten uns und unsere Situation, Andere. Wir können auch anders in der Welt sein, anders mit uns und Anderen umgehen, wenn wir lernen, uns nicht mehr zu verstricken in unseren Empfindungen, wenn wir lernen, aus unserem Autopilot auszusteigen, wenn wir lernen, wieder eine Beziehung zu uns und anderen herzustellen.

aktiv!: Wie verläuft das Achtsamkeitstraining?

Christina Sprenger: Im Training gibt es viele Anregungen, sich mit Achtsamkeit zu beschäftigen. Es gibt acht Module, die sich jeweils mit einem bestimmten Thema beschäftigen, wie Wahrnehmung, Kommunikation, Gedanken. Dazu gibt es viel Raum für praktische Übungen (Körperübungen, Meditationen), Fragen, die zur Reflexion anregen, Möglichkeiten des Austausches untereinander und mit mir als Trainerin.

aktiv!: Kann jeder Mensch lernen, achtsam mit sich selbst umzugehen?

Christina Sprenger: Wir alle haben die Fähigkeit, achtsam zu sein, wir sind ausgestattet mit allem, was es braucht, bewusst wahrzunehmen, konzentriert zu erkennen und zu reflektieren, freundlich und fürsorglich mit uns umzugehen, Vertrauen und Dankbarkeit zu entwickeln. Wir haben allerdings oftmals den Zugang zu uns und unseren Bedürfnissen verloren. Wir leben in einer Zeit der Unruhe, der Verdichtung, der Hektik, der Beschleunigung, das Tempo wird immer höher. Wir machen immer mehr in immer schnellerer Zeit. Wir sind heute so vernetzt aber doch so weit weg von uns selbst. Da braucht es viel Mut und Durchhaltevermögen, sich wieder dem Einfachen zuzuwenden, dem Wahrnehmen, was in diesem Moment geschieht.

aktiv!: Wie kann das Achtsamkeitstraining die Lebensqualität von MS-Erkrankten verbessern?

Christina Sprenger: Das Achtsamkeitstraining basiert auf dem MBSR Programm (Mindfulness Based Stress Reduction), das von Prof. Dr. Jon Kabat Zinn vor ca. 50 Jahren entwickelt wurde, zu Beginn für Menschen mit chronischen Schmerzen. In Studien stellte sich heraus, dass die Schulung der Achtsamkeit, auch im Umgang mit Stress, körperlichen Einschränkungen und seelischen Belastungen hilfreich sein kann. Durch die Achtsamkeitspraxis kann ein gesunderer Umgang mit Belastungen eingeübt werden. Wir lernen, das ganze Leben anzunehmen und gut für uns zu sorgen. Das Programm ist erprobt, beforscht und wird weltweit eingesetzt.

aktiv!: Während der Corona-Pandemiesind Präsenzveranstaltungen nicht möglich. Welche Erfahrungen haben Sie als Trainerin mit der Online-Version des Coachings gemacht?

Christina Sprenger: Ich biete schon einige Jahre neben Präsenzveranstaltungen auch Onlineangebote an. Es ist wunderbar, dass Menschen die Möglichkeit haben Achtsamkeit zu lernen, egal wo, egal in welcher Situation oder körperlicher Befindlichkeit sie sich befinden. Online-Angebote brauchen aber Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, auch gemeinsam zu lernen. Mittlerweile gibt es viele technische Möglichkeiten, um online in Gruppen zu üben und sich auszutauschen.

aktiv!: Von welchen Reaktionen der Teilnehmer können Sie berichten?

Christina Sprenger: Ich freue mich sehr, dass viele das Training als sehr hilfreich empfinden und als alltagstauglich. Auch die Austauschmöglichkeiten werden als hilfreich empfunden. Diejenigen Teilnehmer, die das Training vollständig absolvieren, heben besonders die persönliche Betreuung hervor. Es berührt mich immer, wenn Teilnehmer berichten, dass sie freundlicher mit sich umgehen, wenn sie erzählen, dass sie Momente der Freude jetzt mehr wahrnehmen können, wenn sie in Situationen, in denen sie ungeduldig waren, anders handeln, wenn sie mehr auf sich achten, vielleicht früher ihre Bedürfnisse wahrnehmen, das Leben und ihre Situation nicht mehr so persönlich nehmen.

aktiv!: Hat die Corona-Krise besondere psychische Belastungen mit sich gebracht?

Christina Sprenger: Auf jeden Fall. Wir alle müssen uns einschränken, müssen verzichten, müssen irgendwie damit umgehen, dass wir nicht wissen, wie es mit der Pandemie weitergeht, was vielleicht noch passieren wird. Viele haben finanzielle Einbußen, Existenzsorgen, leiden unter der Isolation, die bspw. der Lockdown mit sich brachte. Ich erlebe in meinen Beratungen, wie sehr viele Menschen unter Stress leiden, die häusliche Situation, die gesundheitliche Situation, alles ist anders, oftmals schwierig, Konflikte treten vermehrt auf. Das sind Belastungen, die uns an unsere Grenzen bringen.

aktiv!: Wie kann das Achtsamkeits-Coaching helfen, diesem Stress besser zu begegnen?

Christina Sprenger: Wir alle sind in unserem Leben Krisen unterworfen. Wir alle erleben, Krankheit, Schmerz, Stress, Konflikte, Veränderungen. Ebenso erleben wir Momente der Freude, der Dankbarkeit. Hier gilt es, die Balance wieder zu finden. Wir haben oft ein „gelebtes Mangelverhalten“, wir sehen, was wir alles noch nicht geschafft haben, was uns fehlt. Für unsere Zufriedenheit und Gesundheit brauchen wir auch die schönen Erfahrungen, die Verbundenheit mit anderen. Achtsamkeit schulen heißt, alle Aspekte des Lebens anzunehmen. Eine innere Gelassenheit zu entwickeln. Achtsamkeit sollte aber nicht mit Resignation verwechselt werden.

aktiv!: Wie kann das Erlernte langfristig bewahrt werden?

Christina Sprenger: Esist sinnvoll, sich immer wieder intensiver mit Achtsamkeit zu beschäftigen. Das Training bildet eine gute Grundlage, einen Methodenkoffer für eine stabile Achtsamkeitspraxis im Alltag. Die Erfahrung zeigt, dass es in unser aller Alltag mit seinen Herausforderungen oftmals schwierig ist, eine regelmäßige Übungspraxis aufrechtzuerhalten. Daher kann es hilfreich sein, immer mal wiederaufzufrischen, Themen zu vertiefen, immer wieder einzusteigen in die Praxis der Achtsamkeit. Ich möchte der DMSG danken, für die große Entschlossenheit und das Bemühen, das Online-Achtsamkeitstraining umzusetzen und ich freue mich, als Trainerin bei diesem Projekt dabei zu sein.

  • Mehr Informationen zur Teilnahme am Achtsamkeitstraining finden Sie auf www.msconnect.de

 

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Foto: Christina Sprenger
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