close
close
Interesse an einer Probemitgliedschaft?
Kostenfreie Probemitgliedschaft beantragen
DMSG aktuell

Interview mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer

Ausgabe 3/20 - Mit einer persönlichen Videobotschaft hatte Malu Dreyer am Welt-MS-Tag 2020 auf die Erkrankung Multiple Sklerose aufmerksam gemacht. Bei der 59-jährigen Politikerin wurde MS im Jahr 1995 diagnostiziert. 

Liebe Frau Dreyer, was hat Sie dazu motiviert, öffentlich über Ihre MS-Erkrankung zu sprechen?
Am Anfang habe ich, auch auf Anraten meines damaligen Arztes, nicht öffentlich über meine Krankheit gesprochen. Ich wollte zunächst einmal mit mir selbst darüber ins Reine kommen. Nur meine Familie und die engsten Freunde wussten davon. Als ich Ministerin im Kabinett von Kurt Beck wurde, informierte ich ihn. Nachdem dann meine Mobilitätseinschränkung sichtbarer wurde, habe ich mich entschlossen, im Oktober 2006 an die Öffentlichkeit zu gehen, auch um weitere Spekulationen zu beenden.

Welche Reaktionen in Ihrem Umfeld haben Sie geärgert, welche haben Sie erfreut oder überrascht?
Als ich meine Erkrankung öffentlich machte, erfuhr ich sehr viel positive Resonanz. Das hat mir sehr viel Kraft gegeben und mich auch erleichtert. Auch die Presse ging sehr fair mit dem Thema um. Ich habe dann sogar festgestellt, dass nach einer Weile eigentlich kaum noch jemand darüber gesprochen hat.

Viele Menschen trauen sich nicht, eine chronische Erkrankung ihrem Arbeitgeber, manchmal noch nicht einmal ihren Kolleginnen oder Kollegen, mitzuteilen. Sie waren viele Jahre Sozialministerin in Rheinland-Pfalz und sind nun schon seit 2013 Ministerpräsidentin. Hat sich Ihrer Ansicht nach das Klima in der Arbeitswelt eher verschlechtert oder verbessert?
Ich kann die Zweifel und Ängste gut nachfühlen. Je nachdem, in welchem Arbeitsumfeld man tätig ist, gilt Krankheit auch heute noch als Problem. Es muss daher ein zentrales Ziel bleiben, bei Arbeitgebern dafür zu werben, chronisch kranke, aber auch behinderte Menschen einzustellen, denn sie sind sehr oft ebenso leistungsfähig und mit Sicherheit genauso motiviert wie alle anderen Arbeitnehmer.

Welche Hürden mussten Sie auf Ihrem beruflichen Weg aufgrund der MS zusätzlich bewältigen?
MS ist natürlich vor allem physisch eine Herausforderung, da es im politischen Geschäft allzu oft buchstäblich schnellen Schrittes zugeht. Glücklicherweise äußert sich die Erkrankung bei mir ausschließlich in einer eingeschränkten Mobilität, so dass ich mit Hilfe von Hilfsmitteln wie beispielsweise dem Elektromobil für längere Strecken hier gut zurechtkomme. Insgesamt hatte ich tatsächlich nie das Gefühl, dass ich Hürden zu überwinden hatte.

Diese Fragen sind sicher sehr direkt: Politik gilt ja als ein hartes Geschäft. Hatten Sie auch mit anderen als verständnisvollen Reaktionen zu kämpfen? Hat man Ihnen als chronisch kranker Frau Ihren Job (immer) zugetraut?
Gerade auch für Politikerinnen und Politiker ist es ungewöhnlich, sich zu einer Erkrankung zu bekennen. Bei vielen gilt Krankheit noch immer als Schwäche, die auf keinen Fall bekannt werden darf. Zum Glück pflegen wir in Rheinland- Pfalz einen solchen Stil bis auf kleine Ausnahmen nicht.

Welche Botschaft möchten Sie jungen, gerade neu mit MS diagnostizierten Menschen mit auf den Weg geben?
Ich möchte anderen MS-Erkrankten Mut machen und Kraft geben. Positive Beispiele sind sehr wichtig. Trotzdem muss man auch immer sehen, dass jeder seine persönliche Geschichte hat, die nicht mit anderen vergleichbar ist. Ich würde mich aber freuen, wenn ich andere dazu ermutigen könnte, sich nicht behindern zu lassen und positiv nach vorne zu schauen.

Zurück
Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Bild: Staatskanzlei RLP/Elisa Biscotti