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DMSG aktuell

Anerkennung für Pflege: Wenn Liebe Handicaps überwindet

Ingrid Werner: „Eigentlich geht es uns gut – wir haben alles“
Als Ingrid Werner ihren Mann Reinhardt kennenlernte, war er aktiver Fußballer im örtlichen Fußballverein. Aktiv gestalteten sie ihr gemeinsames Leben. Sie bekamen zwei Töchter und einen Sohn und kauften ein kleines Häuschen in Obernbreit im Landkreis Kitzingen. 1989, zwei Jahre nach der Geburt ihres jüngsten Kindes, wurde bei Reinhardt Werner die Diagnose MS gestellt. Schon nach dem ersten Schub nahm die Krankheit einen chronischen Verlauf, ein Jahr danach folgten der Rollstuhl und die Aufgabe seiner Berufstätigkeit. Die Familie hoffte, dass sich sein Zustand nicht weiter verschlechtert. Doch leider trat genau dies schon in den ersten Jahren seiner MS-Erkrankung ein. Seit etwa dem Jahr 2000 ist ihr Mann an Armen und Beinen komplett gelähmt, nur sein Kopf ist frei beweglich. Ingrid Werner übernahm von Anfang an die komplette Pflege ihres Mannes, leistet eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung, auch in der Nacht erhält ihr Mann mehrmals eine Umlagerung. Dabei ist er geistig sehr rege und sein sprachliches Ausdrucksvermögen ist glücklicherweise wenig betroffen. Dank einer Kinn-Steuerung kann Reinhardt Werner seinen Elektrorollstuhl selbst fortbewegen. „Das ist seine Selbstständigkeit“, betont seine Frau die Bedeutung dieses Hilfsmittels für die Teilhabe ihres Mannes. Fester Bestandteil ihres gemeinsamen Alltags sind gemeinsame Spaziergänge durch die schöne Landschaft ihrer Heimat. In einem Rollstuhltagebuch hält sie die gemeinsam zurückgelegten Kilometer fest.

Die Krankheit brachte viele unumgängliche Anpassungen des Hauses mit sich. Diese Erfahrungen gibt sie an Mitglieder der Selbsthilfegruppe weiter. Ingrid Werner macht ihrem Mann immer wieder Mut, indem sie ihm versichert, ihn niemals in ein Pflegeheim zu geben. Ihre drei Kinder sind mit der Erkrankung des Vaters ganz selbstverständlich aufgewachsen und erfreuen ihre Eltern heute mit sieben Enkelkindern. Die Familie hält zusammen und entlastet Ingrid Werner regelmäßig bei der Pflege. Ein Pflegedienst ist nicht eingeplant. „Wir können es uns ohne Familie nicht vorstellen“, betont die gelernte Kinderkrankenschwester, „eigentlich geht es uns gut – wir haben alles.“

Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl überträgt sich auch auf die MS-Kontaktgruppe Ochsenfurt, in der sie seit über 20 Jahren in der Leitung engagiert ist. Sowohl junge Betroffene als auch Mitglieder der ersten Stunde fühlen sich hier wohl. Mit ihrer Lebensfreude ermöglicht sie ihrem Mann eine aktive Teilnahme am Alltag. Ob Kinder, Enkel, Nachbarn oder Freunde, sogar die Fußballkollegen aus seiner aktiven Zeit kommen bis heute immer wieder gerne für einen Besuch vorbei.

Dieter Piechottka: „Wir sind ein Team“
Das Ehepaar Piechottka ist seit 1976 verheiratet. Sie war 21, er 22 Jahre alt, als sie sich kennengelernt haben. Vorboten der MS gab es schon damals. „Die Symptome deuten konnte allerdings keiner“, berichtet Dieter Piechottka. In den Siebziger Jahren war noch nicht viel über MS bekannt. Informationen zu bekommen, war schwer. Erst nach dem Kontakt zur DMSG wusste er mehr über die Erkrankung seiner Frau. „Gott sei Dank haben wir unser Kind bekommen“, freut er sich über seine mittlerweile 42 Jahre alte Tochter.

Die chronisch-progredient verlaufende MS seiner Frau Antje führte bereits im Jahr 1993 dazu, dass Dieter Piechottka erste Pflegetätigkeiten übernahm. Die rasch fortschreitenden    Einschränkungen sorgten dafür, dass ab ca. 2007 eine umfassende Pflege notwendig wurde.  Dieter Piechottka steht seiner Ehefrau zur Seite – kümmert sich um alle Pflegetätigkeiten,  den Haushalt, gibt Hilfestellungen bei alltäglichen  Dingen und hat die häusliche Umgebung  den Gegebenheiten angepasst. „Schaffe ich es alleine? Diese Frage habe ich mir nie gestellt.“,  erklärt der 64-Jährige: „Für uns gehört die Krankheit mittlerweile dazu. Wir sind ein Team“. Er stellte sich auf den veränderten Lebensrhythmus ein und kümmert sich mit liebevoller  Fürsorge um seine Frau. Ihre Lebensqualität  wird durch eine gemeinsame Leidenschaft des Paares gesteigert: das therapeutische Reiten. Dank des großen Engagements von Dieter  Piechottka verfügt die DMSG-Gruppe Dithmarschen über ein eigenes Pferd, finanziert durch Spenden. Den Übungsleiterschein machte er  bereits in den Achtzigerjahren. In der Reitgruppe  wird wöchentlich das Training unter seiner Anleitung für seine Frau und andere schwer an MS Erkrankte durchgeführt. Hier schöpfen er und seine Frau Kraft aus der Gemeinschaft und der Aktivität.

Aufgrund der Corona-Epidemie ruht das Reit-Training. Der Hof wurde für Gäste geschlossen.  Im August konnten sie bereits seit zwölf Wochen  nicht mehr reiten. „Was jetzt nicht geht, geht vielleicht später“, hofft Piechottka, den Reitbetrieb bald wieder aufnehmen zu können.  „Mit Abstand“, betont der Gruppenleiter, der  seine Frau auch gerne mal in ein Konzert einlädt. Kein Verständnis hat er für die Missachtung  der Corona-Schutzmaßnahmen. „Wenn  man sieht, wie manche Leute sich benehmen  – verantwortungslos“, ärgert er sich. 

Nur durch die liebevolle Pflege und Betreuung durch ihn ist es möglich, dass sie in der häuslichen Umgebung verbleiben kann und sie gemeinsam viele Dinge unternehmen können. Vor zehn Jahren nahm er das Angebot seines Arbeitgebers an, in Frührente zu gehen. Seitdem  kümmert er sich rund um die Uhr um seine Frau. Eine Entscheidung, die Dieter Piechottka nicht bereut habe, erklärt er: „Diese zehn Jahre kann uns keiner nehmen.“ 

Karin Gaus-Reichelt: Wenn Liebe Handicaps überwindet 
Mit dem Thema Pflege ist Karin Gaus-Reichelt auch beruflich vertraut. Ihren Mann lernte sie  im Rahmen ihrer Tätigkeit bei dem ambulanten Pflegedienst kennen, der Udo Gaus betreute. Als Udo Gaus einer ihrer Patienten wurde, war er bereits seit 31 Jahren an MS erkrankt. Sie waren sich sofort sympathisch, teilen den gleichen Humor. Der berufliche Wechsel von Karin Gaus-Reichelt zum Medizinischen Dienst erwies sich als glückliche Fügung: Aus Sympathie wurde Liebe. Heute sind sie verheiratet. In den ersten Jahren war ihr Partner noch relativ selbstständig,  konnte selbst Auto fahren und war als Vorsitzender der Göppinger AMSEL-Kontaktgruppe  und im Landesverband aktiv. In der letzten Zeit hat sich sein Zustand stark verschlechtert. Udo Gaus kann kaum noch sprechen und schlucken. Schon lange benötigt er einen Rollstuhl, sein Unterstützungs- und Pflegebedarf ist sehr hoch. Karin Gaus-Reichelt arbeitet noch im Bereich Pflegeberatung und Begutachtung und ist ansonsten für ihren Mann da. Während sie beruflich unterwegs ist, versorgt ihn ein ambulanter  Pflegedienst. Mit ihm teilt sie sich die umfangreiche Pflege, die für Karin Gaus-Reichelt um fünf Uhr morgens beginnt. Sie bereitet ihren Mann für das gemeinsame Frühstück vor. Danach verlässt sie das Haus und Udo Gaus wird mit einem Fahrdienst zu seinen Therapien gebracht. Mittags kommt Karin Gaus-Reichelt heim und übernimmt wieder die Versorgung  ihres Mannes. Sie verbringen den restlichen Tag gemeinsam, bereiten das Essen zu, unterhalten sich, machen Dinge, die ein Ehepaar im Alltag so macht. Obwohl es beschwerlich ist, soll ihr Mann das Haus verlassen, am normalen Leben teilnehmen, kulturelle Veranstaltungen besuchen und sich an den Begegnungen und dem Austausch mit anderen MS-Erkrankten bei Gruppentreffen erfreuen. Das ist Karin Gaus-Reichelt wichtig. Seit dem Lockdown arbeitet sie im Homeoffice. Das Ehepaar ist vorsichtig. Ihr Mann sei Hochrisikopatient, verweist sie auf die Einhaltung der Hygienemaßnahmen: „Wenn Personen ohne Masken auf ihn zugehen, muss ich einschreiten.“ Auch Treffen mit der Familie sind im Moment nur im Freien möglich.

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